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Thermikflug: Segelpilot verunglückte im Wald bei EDPU

 

29. Apr 2018 - 15:41 Uhr


Flugsicherheit

Thermikflug: Segelpilot verunglückte im Wald bei EDPU

Der Pilot startete laut Flugwegaufzeichnung um 14:57 Uhr im Windenschleppstart auf der Piste 34 des Sonderlandeplatzes Bartholomä-Amalienhof (EDPU) zu einem privaten Segelflug. Laut Zeugen war ein Thermikflug in der Umgebung des Flugplatzes geplant.


Laut Flugwegaufzeichnung (Abb. 1) erreichte das Segelflugzeug im Windenstart eine Höhe von 348 m über Grund. Nach dem Ausklinken des Schleppseils flog der Pilot in den Bereich einer südwestlich des Flugplatzes gelegenen bewaldeten Hügelkette.


Identifikation


  • Art des Ereignisses: Unfall
  • Datum: 24. Juni 2017
  • Ort: Nähe Flugplatz Bartholomä-Amalienhof
  • Luftfahrzeug: Segelflugzeug
  • Hersteller / Muster: Burkhardt Grob Luft- und Raumfahrt GmbH & Co. KG / G 103 C "TWIN III ACRO"
  • Personenschaden: Pilot tödlich verletzt
  • Sachschaden: Luftfahrzeug zerstört
  • Drittschaden: Flurschaden

Das Titelbild zeigt die Flugwegaufzeichnung. Oberhalb der Hügelkette flog das Segelflugzeug mehrere Kreise.


Ereignisse und weiterer Flugverlauf


Das Segelflugzeug wurde von mehreren Zeugen vom Flugplatz aus immer wieder kurzzeitig bei der Thermiksuche beobachtet. Ein Zeuge sah das Segelflugzeug in einer geschätzten Höhe von 200 Metern über Grund und nahm an, dass der Pilot den Anflug zur Landung einleiten würde. Einen Augenblick später habe er dann das Segelflugzeug "mit steil nach unten geneigtem Rumpfbug" gesehen. Auch andere Zeugen haben den nahezu senkrechten Absturz beobachtet. Die Flugwegaufzeichnung endete um 15:03 Uhr. Das Segelflugzeug stürzte in ein Waldgebiet und prallte auf den Boden. Dabei wurde der Segelflugzeugführer tödlich verletzt und das Segelflugzeug zerstört.


Angaben zu Personen


Der 19-jährige verantwortliche Luftfahrzeugführer besaß eine Segelfluglizenz der Europäischen Union, erteilt gemäß Teil FCL, ausgestellt am 14. November 2016 und unbefristet gültig. Die Rechte der Lizenz beinhalteten den Sprechfunk in deutscher Sprache nach Sichtflugregeln sowie folgende Berechtigungen:


  • Sailplane (Segelflugzeuge) PIC, unbefristet gültig
  • Winch (Windenschleppstart), unbefristet gültig
  • Aero Tow (Schleppstart hinter Luftfahrzeugen), unbefristet gültig

Sein flugmedizinisches Tauglichkeitszeugnis Klasse 2 war ohne Auflagen bis zum 16. Juni 2019 gültig. Laut persönlichem Flugbuch betrug die Gesamtflugerfahrung inklusive Ausbildung etwa 78 Stunden. Nach Erwerb der Lizenz hatte er elf Windenschleppstarts und zwei Flugzeugschleppstarts bei einer Flugzeit von etwa 17 Stunden absolviert. Davon entfielen auf das betroffene Segelflugzeug etwa vier Stunden. Auch während seiner vier Jahre dauernden Ausbildung absolvierte er nahezu alle Flüge mit Fluglehrer auf diesem Segelflugzeug.


Luftfahrzeug


Laut Flughandbuch handelt es sich bei dem Muster um ein doppelsitziges Segelflugzeug in Glasfaserverbundbauweise. Die Mitteldecker-Konstruktion mit T-Leitwerk hat eine Spannweite von 17,5 m. Das Hauptfahrwerk ist nicht einziehbar. Ein Spornrad und ein Bugrad sind jeweils fest am Rumpf montiert. Das Segelflugzeug ist für den Kunstflug zugelassen.


  • Hersteller: Burkhardt Grob Luft- und Raumfahrt GmbH & Co. KG
  • Muster: G 103 C "TWIN III ACRO"
  • Werknummer: 34139
  • Baujahr: 1989
  • Gesamtbetriebszeit: 3 600 Stunden

Die letzte Bescheinigung über die Prüfung der Lufttüchtigkeit wurde am 18. März 2017 ausgestellt. Laut Massen-Übersicht vom 17. März 2015 betrugen die Leermasse 416 kg und die maximal zulässige Abflugmasse 600 kg. Der Pilot hatte inklusive des Rettungsfallschirms eine Masse von etwa 78 kg bei einer Mindestzuladung für den von ihm benutzten vorderen Pilotensitz von 70 kg. Die Flugmasse lag daher bei etwa 494 kg. Das Segelflugzeug war in Deutschland zum Verkehr zugelassen und wurde von einem Verein betrieben.


Meteorologische Informationen


Laut Zeugenaussagen betrug die Sicht am Flugplatz mehr als 10 km, die Temperatur 27 °C und die Wolkenbasis war bei einem Bedeckungsgrad von 2/8 im Tagesverlauf auf etwa 1.900 m AMSL angestiegen. Der Luftdruck (QNH) am etwa 59 km westlich gelegenen Flughafen Stuttgart betrug 1.027 hPa. Der Wind wehte aus westlichen Richtungen und hatte laut Schätzungen eines Zeugen eine Geschwindigkeit von 20 bis 30 km/h. Wetterstationen in der Umgebung meldeten Windgeschwindigkeiten zwischen 12 und 22 kt. Ein sachkundiger Zeuge berichtete, dass bei diesem starken Westwind die Flugbedingungen im Bereich der westlichen Platzrunde auf Grund von orografisch bedingten Leewirkungen und Turbulenzen schwierig bzw. anspruchsvoll waren.


Flugplatz EDPU



Der Sonderlandeplatz Bartholomä-Amalienhof (EDPU) liegt etwa 0,8 nautische Meilen (NM) südöstlich der Stadt Bartholomä. Er hat eine Flugplatzhöhe von 2.100 ft AMSL und verfügt über eine 900 Meter lange und 30 Meter breite Graspiste in den Richtungen 159°/339° (16/34).


Flugdatenaufzeichnung


Der BFU stand ein Kollisionswarngerät FLARM zur Auswertung der Daten zur Verfügung. Der rekonstruierte Flugweg ist Teil des Abschnittes ‚Ereignisse und Flugverlauf‘.


Unfallstelle und Feststellungen am Luftfahrzeug


Die Unfallstelle lag etwa 1.100 Meter südwestlich des Flugplatzes Bartholomä-Amalienhof in einer Höhe von etwa 2.100 ft AMSL. Abb. 2 zeigt die Lage der Unfallstelle in Bezug zum Flugplatz. Das Segelflugzeug lag in einer von Waldwegen begrenzten Lichtung zwischen fünf bis sieben Meter hohen Bäumen. Die Lichtung war umgeben von etwa 20 Meter hohen Laubbäumen. Abb. 3 zeigt die Lage des Segelflugzeuges im Wald (innerhalb der roten Markierung).


Das Wrack lag mit etwa 30° Längsneigung auf dem Waldboden. Die Längsachse des Segelflugzeuges war in nördliche Richtung ausgerichtet. Der Pilot wurde angeschnallt im vorderen Cockpit aufgefunden. Er trug einen Rettungsfallschirm. Der vordere Cockpitbereich war zerbrochen. Bruchstücke des Kabinenrumpfes, des Rahmens der Haube und der Cockpitverglasung lagen im Umkreis von etwa fünf Metern um das Wrack verteilt.


Die Rumpfröhre war vor dem Leitwerk gebrochen. Das Bugrad war aus dem Rumpf herausgerissen und lag unter dem Rumpfvorderteil. Die linke Tragfläche war an der Torsionsnase auf einer Länge von etwa einem Meter aufgeplatzt. Die rechte Tragfläche wies keine strukturellen Beschädigungen auf. Der automatische Ruderanschluss des Höhenleitwerks war verbunden.


Die Störklappen ragten etwa zwei Zentimeter aus der Flügeloberseite heraus. Die Steuergestänge bzw. Steuerseile waren bis zu den Ruderflächen komplett vorhanden und angeschlossen. Die Stellung der Bedieneinrichtungen im vorderen Cockpit konnten aufgrund des hohen Zerstörungsgrades nicht identifiziert werden. Die Instrumente waren größtenteils zerstört, lediglich der Beschleunigungsmesser und das Variometer wiesen keine äußern Beschädigungen auf.


Die Sicherheitsgurte des hinteren Cockpits waren geschlossen. An der Unfallstelle konnten alle Baugruppen identifiziert werden. Die Beschädigungen waren als Folge des Aufpralls auf den Boden erklärbar. Bei der Untersuchung ergaben sich keine Hinweise auf technische Mängel am Segelflugzeug. An dieser Stelle wurde der Untersuchungsbericht summarisch, d.h. ausschließlich mit Darstellung der Fakten, abgeschlossen.


Alle angegebenen Zeiten, soweit nicht anders bezeichnet, entsprechen Ortszeit. Quelle und Bilder, soweit nicht anders angegeben: BFU


Fotogalerie

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