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Segelflugzeug an der Tanke: Bruchlandung mit Bremsklappen

 

05. Nov 2026 - 18:37 Uhr


Flugsicherheit

Segelflugzeug an der Tanke: Bruchlandung mit Bremsklappen

Laut Angaben des Piloten übernahm er am Ereignistag das Segelflugzeug von einem Vereinsmitglied nach dessen Landung. Um 14:32 Uhr führte er einen Windenstart in Richtung der Piste 03 des Sonderlandeplatzes Bamberg-Breitenau durch. Landen wollte er an der Segelflug-Graslandebahn 03.


Doch das Segelflugzeug kam im Anflug zu kurz, berührte mit der Flügelwurzel der rechten Tragfläche die Preisanzeige einer Tankstelle, drehte sich um die Hochachse und prallte mit dem Bug voran auf den Asphalt neben der Tankstelle.


Identifikation


  • Art des Ereignisses: Unfall
  • Datum: 22.09.2024
  • Ort: Bamberg
  • Luftfahrzeug: Flugzeug
  • Hersteller: Rolladen-Schneider
  • Muster: LS4-b
  • Personenschaden: Pilot schwer verletzt
  • Sachschaden: Luftfahrzeug zerstört
  • Drittschaden: Schäden an einer Tankstelle und zwei Fahrzeugen

Sachverhalt


Ereignisse und weiterer Flugverlauf


Nach dem Ausklinken in etwa 380 m Höhe AGL flog er eine Rechtskurve und kreiste anschließend mit stetigem Sinken für etwa fünf Minuten über dem Ortsteil Gartenstadt. Dann flog das Segelflugzeug in einer Höhe von etwa 170 m AGL in den rechten Gegenanflug. Der Pilot meldete per Funk um 14:38:21 Uhr1 die Absicht, auf der Segelflug- Graslandebahn 03 zu landen. Abbildung 2 zeigt die Flugwegrekonstruktion aus GPS-Daten des FLARM-Gerätes des Segelflugzeuges.


Er ergänzte um 14:38:27 Uhr, dass das Fahrwerk ausgefahren und verriegelt sei. Bamberg Information bestätigte dies um 14:38:52 Uhr mit der Kennung des Segelflugzeuges. Gegen 14:39:00 Uhr drehte das Segelflugzeug in einer Höhe von etwa 140 Meter AGL in den rechten Queranflug. Kurz darauf, gegen 14:39:10 Uhr, nahm die Sinkrate auf etwa 700 ft/min zu. Gegen 14:39:20 Uhr drehte es in einer Höhe von etwa 90 Meter AGL in den Endanflug zur Segelflug-Graslandebahn 03 (Abb. 3).


Der Pilot gab gegenüber der BFU an, im kurzen Endanflug den entriegelten Bremsklappenhebel losgelassen zu haben, um den Zustand des darunterliegenden Fahrwerkshebel zu prüfen. Daraufhin waren die Bremsklappen vollständig ausgefahren und das Segelflugzeug verlor rapide an Geschwindigkeit und Höhe. Um 14:39:41 Uhr kollidierte das Segelflugzeug mit seiner rechten Tragfläche mit der Preisanzeige einer Tankstelle. Es drehte sich um die Hoch- und Längsachse und prallte anschließend mit dem Bug voran auf den Asphalt.


Mehrere Webcams, die an der Tankstelle und an der daneben liegenden Waschanlage installiert waren, hatten den Unfall aufgezeichnet. Zeugen eilten dem Piloten zur Hilfe. Das Segelflugzeug beschädigte neben der Preisanzeige noch zwei stehende Fahrzeuge. Bei dem Unfall wurde der Pilot schwer verletzt und das Segelflugzeug zerstört. Weitere Personen am Boden kamen nicht zu Schaden.


Der Pilot


Der 58-jährige verantwortliche Luftfahrzeugführer besaß eine gültige Pilotenlizenz für Segelflugzeuge (SPL), erteilt gemäß Teil-SFCL der europäischen Union, erstmalig ausgestellt am 22.10.2020. Die Rechte der Lizenz beinhalteten den Sprechfunk in deutscher oder englischer Sprache für Flüge nach Sichtflugregeln sowie die unbefristet gültigen Berechtigungen für Segelflugzeuge (Sailplane, PIC) und Motorsegelflugzeuge (TMG, PIC). Sein uneingeschränktes flugmedizinisches Tauglichkeitszeugnis für Klasse 2 war bis zum 28.04.2024 und für LAPL3 bis zum 28.04.2025 gültig. Laut persönlichem Flugbuch umfasste die Gesamtflugerfahrung im Segelflug insgesamt 270 Stunden bei 513 Landungen.


Angaben zum Flugzeug


Das Segelflugzeug wurde als einsitziger Schulterdecker in Kunststoffbauweise gefertigt und besaß ein gedämpftes T-Leitwerk, Schempp-Hirth-Bremsklappen auf der Flügeloberseite, automatische Ruderanschlüsse, Wassertanks in den Tragflügeln sowie in der Seitenflosse und ein gefedertes Einziehfahrwerk. Abbildung 4 zeigt die Dreiseitenansicht des Segelflugzeugs LS4-b.


  • Hersteller: Rolladen-Schneider Flugzeugbau GmbH
  • Muster: LS4-b
  • Baujahr / Werknummer: 1984 / 4969
  • Spannweite: 15 m
  • MTOM: 525 kg (mit Wasserballast)
  • Gesamtflugzeit: 2.597 Stunden bei 1.924 Landungen

Das betroffene Segelflugzeug war in Deutschland zum Verkehr zugelassen und wurde von einem Luftsportverein betrieben. Die letzte Bescheinigung über die Prüfung der Lufttüchtigkeit wurde am 11.02.2024 ausgestellt und war bis zum 27.02.2025 gültig. Laut Wägebericht vom 16.05.2018 betrug die Leermasse des Luftfahrzeuges 254 kg. Bei einer geschätzten Masse von 90 kg für den Piloten lag die Abflugmasse am Unfalltag somit bei etwa 344 kg.


Die folgende Abbildung 5 aus dem Flughandbuch4 der LS4-b zeigt die Anordnung der Bediengriffe im Führerraum. Im Flughandbuch unter Betriebsgrenzen im Kapitel 2.3 war eine Tabelle zu den Fahrtmessermarkierungen u. a. für die Landeanfluggeschwindigkeit angeben:



 Markierung  (IAS) Bereich Bedeutung
[…][…] […]
 Gelbes Dreieck 90 km/h

Empfohlene geringste Landeanfluggeschwindigkeit


ohne Wasserballast



Im Kapitel 4.5.5 erfolgten vom Hersteller Angaben zum Einziehfahrwerk sowie ein wichtiger Hinweis für den Windenschlepp und eine Warnung zu den Bremsklappen:



4.4.5. Einziehfahrwerk



(a) Bei allen höchstzulässigen Geschwindigkeiten ein- und ausfahrbar


(b) Zügige Bedienung des Hebels erleichtert den Einfahrvorgang


(c) Hebel nach vorne über den Kniepunkt = Fahrwerk eingefahren


(d) Hebel nach hinten über den Kniepunkt = Fahrwerk ausgefahren



Wichtiger Hinweis: Im Windenschlepp Fahrwerk erst nach dem Ausklinken einfahren, da die Schwerlastkupplung am Fahrwerk hängt.


Warnung: Fahrwerk nur dann Aus- oder Einfahren, wenn die Bremsklappen verriegelt oder ganz ausgefahren sind.



Zur Landung gab es im folgenden Kapitel 4.5.16 Angaben und mehrere Warnungen:



4.5.16. Landung



(a) Wasserballast im Regelfall vor der Landung Ablassen. Wegen möglicher Unsymmetrie die Wasserablaßventile geöffnet halten, siehe auch Blatt 4-15 und 3-7.


(b) Fahrwerk an Position rechtzeitig Ausfahren und Verriegeln.


Warnung: Soll das Fahrwerk erst während des Landeanflugs ausgefahren werden, dann sind auf alle Fälle zuerst die Bremsklappen einzufahren und zu verriegeln.


(c) Vor Landungen mit eingezogenem Fahrwerk wird abgeraten, da der Pilot durch das gefederte Fahrwerk erheblich besser geschützt ist als nur durch die Rumpfschale.


(d) Mit den Bremsklappen läßt sich der Gleitwinkel in weiten Grenzen steuern, so daß auf Seitengleitflug (Slip) verzichtet werden kann. Außerdem wird das Segelflugzeug bei Slip mit ausgefahrenen Bremsklappen sehr kopflas- tig, was sich bei niedrigen Geschwindigkeiten und bei schon im vorneher- ein kopflastigen Flugzeug mit dem Höhenruder nicht ganz aussteuern lässt.





Warnung: Anflug mit voll ausgefahrenen Bremsklappen




ohne Wasserballast nicht unter 90 km/h


mit Wasserballast nicht unter 105 km/h




Warnung: Die Mindestgeschwindigkeit erhöht sich




bei ausgefahrenen Bremsklappen um etwa 10 km/h


bei Regen und ausgefahrenen Bremsklappen um etwa 20 km/h





Das Segelflugzeug war u. a. mit einem FLARM-Kollisionswarngerät ausgerüstet.


Meteorologische Informationen


Laut den Angaben der Flugleitung am Sonderlandeplatz Bamberg-Breitenau war das Wetter zum Zeitpunkt des Flugunfalls wolkenlos und der Wind wehte aus 140° mit etwa vier Knoten. Die Temperatur betrug etwa 23 °C.


Funkverkehr


Der Pilot stand in Funkkontakt mit Bamberg Information (123,440 MHz). Der Funkverkehr wurde aufgezeichnet und stand der BFU für Auswertungen zur Verfügung.


Angaben zum Flugplatz


Der Sonderlandeplatz Bamberg-Breitenau (EDQA) befindet sich etwa zwei km nordöstlich der Stadt Bamberg. Er verfügte über eine 1.104 Meter lange und 23,5 Meter breite Asphaltpiste mit der Ausrichtung 032°/212° (03/21), drei Segelflug-Graslandebahnen (03/21/32) je 250 Meter lang und 30 Meter breit sowie eine 1.300 Meter lange Windenschleppstrecke. Die Platzhöhe wurde mit 827 ft (252 Meter) AMSL angegeben.


Flugdatenaufzeichnung


Das Kollisionswarngerät der Firma FLARM aus der Schweiz erfasst die auf GPS-basierten Daten mit Zeit-, Positions- und Höheninformationen und tauscht diese Daten mit anderen FLARM-Geräten zur Kollisionsvermeidung aus. Diese Daten können auch von Bodenstationen aus dem OGN-Netzwerk5 aufgezeichnet werden. Die Daten wurdden von der BFU kurz nach dem Unfall gesichert und standen für eine Auswertung zur Verfügung (Abb. 2, Abb. 3 und Abb. 6). Abbildung 6 zeigt die auf GPS-Daten basierte Darstellung der vom Vereinsmitglied vorab durchgeführten Landung auf der Segelflug-Graslandebahn 03 (blaue Linie) überlagert mit den GPS-Daten des Unfallfluges (orange Linie): Die errechneten Geschwindigkeiten sind bedingt durch Zeit- und Positionsfehler nur als Trend zu betrachten und geben die Geschwindigkeit des Segelflugzeuges über Grund (d. h. ohne Berücksichtigung des örtlichen Windeinflusses) wieder.


Unfallstelle und Feststellungen am Luftfahrzeug


Die Unfallstelle befand sich auf dem Gelände einer Tankstelle mit daneben liegender Waschanlage. Die Preisanzeige der Tankstelle hatte eine Höhe von etwa zehn Meter AGL und lag im Anflug auf die Segelfluglandebahn 03 in etwa 200 Meter Entfernung von der Schwelle (Abb. 2 und Abb. 6).


Bei der Untersuchung des Segelflugzeuges waren das Seitenruder und Höhenruder beweglich. Das Querruder war nicht mehr beweglich. Die Tragflächen wurden korrekt montiert und gesichert vorgefunden. Das Fahrwerk war ausgefahren. Die Bremsklappen waren eingefahren (Titelbild). Das Titelbild zeigt die Unfallstelle mit Blick auf die Tankstellenpreisanzeige (rotes Oval = Ort der Kollision).


Medizinische und pathologische Angaben


Der Pilot wurde vom Notarzt erstversorgt und in ein Klinikum verbracht. Dort wurde u. a. eine Fraktur der Lendenwirbelsäule festgestellt. Die von der Staatsanwaltschaft angeordnete und im Klinikum durchgeführte Blutuntersuchung war ohne Befund.


Brand


Es entstand kein Brand.


Zusätzliche Informationen


Sicherheitsbericht der EASA 2025


Im Sicherheitsbericht6 der EASA aus dem Jahr 2025 wurden u. a. Unfälle mit Segelflugzeugen analysiert. Die meisten Unfälle, etwa 59 Prozent im Jahr 2024, ereigneten sich in der Flugphase Landung (Abb. 8). Das größte Risiko im Segelflug stellt der Verlust der Kontrolle über das Segelflugzeug in der Luft dar, gefolgt von Kollisionen mit anderen Luftfahrzeugen in der Luft. Das drittgrößte Risiko im Segelflug war laut dem Sicherheitsbericht die Kollision mit Hin- dernissen im Flug (basierend auf 15 Ereignissen im Zeitraum). Abbildung 8 zeigt eine Erhebung von Segelflugunfällen in Bezug zur Flugphase.


An dieser Stelle wurde die Untersuchung durch die BFU mit der Darstellung der Fakten, d. h. ohne Analyse und Schlussfolgerung, abgeschlossen.


Fußnoten


1) Alle angegebenen Zeiten, soweit nicht anders bezeichnet, entsprechen Ortszeit.


2) OGN (Open Glider Network) logbook sammelt online GPS-Daten aus FLARM-Geräten u. a. von Segelflugzeugen


3) Light Aircraft Pilot Licence


4) Rolladen-Schneider Flughandbuch LS4-b Ausgabe: Oktober 1999 LBA-anerk. Revision – 2


5) Das Open Glider Network (OGN) bietet eine Plattform für den Austausch von Flugdaten von Segelflugzeugen und weiteren Luftfahrzeugen der allgemeinen Luftfahrt


6) EASA (European Union Aviation Safety Agency) Annual Safety Review, 2025 (ISBN 978-92-9210-288-3 DOI 10.2822/7481215, frei verfügbar auf der Website der EASA.


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